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Leseprobe (2)

Silke kramt in ihrer Tasche und sortiert einen Kamm, ein Buch und ein Badetuch auf die Decke. Ich greife zu dem dünnen Buch.
"Eh, wo hast'n den Plenzdorf her?", frage ich sie, "Die neuen Leiden finde ich gut."
Sie fährt mit dem Kamm erstaunlich leicht durch die langen Haare, die von der Sonne schon fast wieder getrocknet sind.
"Eingeschmuggelt", antwortet sie kurz.
"Hä, wie'n das, verstehe ich nicht."
Sie legt sich auf die Decke, stützt den Kopf in die Hand und schaut mich frech ein.
"Eingeschmuggelt aus Prag, da gibt's ein tolles Antiquariat mit deutschsprachigen Büchern, die du bei uns kaum kriegst. Höchstens unterm Ladentisch als Bückware."
Ich hole aus der Gepäcktasche am Fahrrad mein derzeitiges Lieblingsbuch und lege es auf die Decke. Sie blättert darin und schüttelt mit dem Kopf.
"Wie könnt ihr Jungen bloß den Werner Holt gut finden?"
"Die Sprache ist doch ganz stark", ich blättere schnell eine Seite auf, die ich mit einem Eselsohr markiert habe, "hier, schau, die Szene in der Flakbatterie in Gelsenkirchen - ihr Schweine, ihr trichinösen, ich werde euch schleifen, bis euch der Bauchnabel glänzt - das ist doch so richtig brutal, so richtig knallhart. Nicht so romantisch verklärter Mist, wie in irgendwelchen langweiligen Klassikern."
"Die Sprache ist weder knallhart oder brutal, die ist Scheiße", erwidert Silke, "wer so redet hat nicht alle Tassen im Schrank. Du kannst sicher, wenn der Holt im Deutschunterricht dran ist, gebe ich Kontra. Außerdem verstehe ich nicht, wieso ihr Jungen dauert rumjammert, weil ihr nach dem Abi für drei Jahre zur Fahne müsst, um euer Lieblingsstudium zu kriegen, aber solche Kriegsschinken wie den Holt stark findet."
Silke hat sich warmgeredet, da teilt sie in alle Richtungen aus. Wer da nicht in Deckung geht, den fliegen die Worte um die Ohren.
"Dein Edgar ist aber auch nicht gerade lammfromm", kontere ich zurück, "außerdem macht er sich an Charlie ran, obwohl die vergeben ist. Findest du das okay?".
"Edgar ist Rebell, dass finde ich stark und Charlies Freund Dieter kannst du vergessen, der ist schlimmer als eine Schlaftablette. Geschieht ihm ganz recht, dass Edgar sich an Charlie ranmacht. Außerdem", doziert sie weiter, "Edgar ist Jeansfan, wie ich. Ohne Jeans komme ich mir nackt vor."
In Silkes Gesicht ist eine Haarsträhne gefallen. Ich greife danach und schiebe sie hier ihr Ohr.
"Hast du Verwandte im Westen?", frage ich. Sie nickt mit dem Kopf.
"Ja, eine Onkel und der lässt ab und zu eine blaue Fliese rüberwachsen."
"Und ich hätte mal laut hier schreien sollen, als die Westverwandten verteilt wurden. Da muss ich wohl gerade ein Brötchen zwischen den Zähnen gehabt haben", stelle ich traurig fest.
Ich lege mich auf den Rücken und schaue in die Kronen der zwei Buchen hinter uns. Silke rückt ganz nah an mich. Auf meiner Haut kitzeln Silkes Haare und ihre Hand streicht über meine Brust.
"Holger, mir ist es egal, ob du Wisent-Jeans aus der Jumo anhast oder Levis aus dem Intershop. Du bist mein Freund, weil du...", sie bricht den Satz ab und ihre Augen werden für einen Moment traurig. Ich fasse nach ihren Schultern und ziehe sie noch ein Stück an mich.
"Weil du was?", frage ich sie. Sie überlegt einen Moment.
"Weil du anders bist, als die anderen", setzt sie den Satz fort und ich glaube ihr. Meine Finger schieben den Bikiniträger ein Stück von ihrer Schulter und ein kleines Stück mehr nackte Haut ist zu sehen.
"Silke, kommst du noch mal mit baden", ich überlege einen Augenblick; ihre Augen sind neugierig, "nackt?"
Einen Moment zögert sie, dann stehen wir auf, ihr Bikini und meine Badehose fallen auf die Decke. Eine dicke Haarsträhne fällt über ihre Brust und wippt frech über den Bauch und die dunklen Schamhaare. Ich fasse nach ihrer Hand und wir gehen langsam in den Waldsee. Ich umarme Silke und will sie ganz fest an mich drücken. Nur noch ein dünner Wasserfilm ist zwischen uns. Das Von-Silke-Träumen-Kribbel-Gefühl lässt einen Gedanken wie ein Blitz durch mich jagen - mit Silke schlafen?
"Nicht Holger, ich mag nicht", sie schiebt mich ein Stück von sich und löst sich einen Augenblick später aus meiner Umarmung. Mit schnellen Schritten läuft sie auf das Ufer zu, rennt zur Decke und zieht den Bikini wieder an. Langsam komme ich aus dem Wasser - was war das eben? Ich ziehe meine Badehose an und gehe zu Silke, die am Ufer steht. Ich erschrecke, über ihr Gesicht laufen zwei Tränen. Habe ich was falsch gemacht? Habe ich ihr weh getan? Ich stell mich vor sie, schaue in ihr Gesicht und lege meine Hände auf ihre Schultern.
"Was ist Silke? Warum weinst du?"
Sie umarmt mich.
"Alles, alles war wieder da. Es hat wehgetan."
Ich habe Angst. Ich drücke sie ein Stück von mir weg, ich will in ihre Augen sehen. Meine Hände fassen fest nach ihr, ich will ihr Sicherheit geben.
"Was war wieder da? Was hast du erlebt?"
Sie umarmt mich wieder und schmiegt sich an mich. "Ist schon gut, Holger! Nicht so schlimm! Ich erzähle dir später alles."
Ich bin unruhig, aber ihr leidenschaftlicher Kuss beruhigt mich wieder.
"Ich bin ganz doll verliebt in dich", flüstert sie in mein Ohr.
Die S-Bahn schaukelt über ein paar Weichen. Im Hunde-Katzen-Fahrrad-Sperrmüll-Abteil sitzen wir auf einer der beiden Holzbänke, Silke schlafend auf meinem Schoß. Was ist mit Silke passiert? Diese Frage kreiselt durch meinen Kopf und findet keine Antwort. Ich bin anders als die anderen, hat Silke gesagt. Wo? Fast zwei Meter bin ich groß, schlaksig, mehr in die Höhe geschossen, als in die Breite gegangen. Genauso alt wie Silke, sechszehn Jahre. Braune Augen, dunkelblonde Haare bis auf die Schultern, Mittelscheitel und die ersten Barthaare sind auch schon zu sehen. Auf Schule habe ich manchmal keinen Bock, aber das Abi schaffe ich auf jeden Fall, ich will studieren, was mit Elektronik.
Auf dem Bahnsteig stehen ein paar Leute und schauen gelangweilt. Die S-Bahn bleibt stehen, ein Oma-Opa-Ehepaar schaut neugierig durchs Fenster und geht weiter. ‚Friedrichstrasse' steht in der Fahrzielanzeige unter dem Bahnhofsdach. Alle S-Bahn-Züge, die hier halten, fahren dahin. Friedrichstrasse - mitten in der Stadt und doch Endstation; mitten in der Stadt und doch am Ende der Welt. Meiner Welt, mit Silke, mit meinen Eltern, meinen Geschwistern, meinen Freunden und allem was dazugehört, um glücklich zu sein.

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