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Leseprobe (1)

August 1975 - Berlin

August 1975 - Berlin Ich bin verliebt - in Silke. Bei der Klassenfahrt, am Anfang der Sommerferien, hat es zwischen uns gefunkt, wie bei einem Sommergewitter. Der See im Wald neben der Jugendherberge, die Halbinsel, der Baum mit seinen knorrigen Wurzeln und wir beide eng umschlungen. Meine Hände wühlten in Silkes langen, blonden Haaren, die bis auf die Jeans reichen. Unsere Lippen waren ganz fest aneinander gedrückt, unsere Zungenspitzen berührten sich und spielten miteinander. Das Gefühl ist Wahnsinn, es ist das Von-Silke-Träumen-Kribbel-Gefühl.

Die letzten Augusttage sind heiß und machen den Abschied von zwei Monaten Sommerferien schwer. Nächste Woche geht die Schule wieder los - mit der 10. Klasse. Das Hunde-Katzen-Fahrrad-Sperrmüll-Abteil der S-Bahn ist mit Fahrrädern vollgestellt. Silke und ich stehen eng gedrängt zwischen Abteilwand und unseren Fahrrädern.
Die Enge ist unerträglich - durch die offenen Fenster dringt kaum Abkühlung, selbst wenn die S-Bahn fährt. Die Enge ist schön - Silke schmiegt sich an mich, ihre Arme hat sie um mich gelegt und ihre großen blauen Augen schauen mich verliebt an. Die Sonnenbrille keck über die Stirn in den Pony geschoben. Die karierte Bluse mit einem großen Knoten zusammengebunden und einen dunkelblauen Bikini drunter. Die Jeans reichen gerade soweit, dass ein Stück nackte Haut unterhalb des Knotens zu sehen ist.
Ruckelnd bleibt die S-Bahn in der Endstation stehen. Wir sind die Letzten, die aussteigen.
"Wo liegt dein Waldsee?", fragt Silke.
"Ich fahre vornweg, du findest ihn nie!", antworte ich.
Ich habe einen Lieblingsplatz, meinen Waldsee - namenlos und kreisrund liegt er in einem Talkessel. Ein einziger, schmaler Pfad führt über die steile Uferböschung und endet auf einer kleinen Wiese direkt am See. Kiefern reichen bis an sein Ufer; vereinzelt stehen große Buchen und Eichen zwischen ihnen. An drei Stellen ist ein kleiner Schilfsaum. Das Wasser ist klar, selbst in der Mitte des Sees habe ich schon bis auf den sandigen Grund gesehen.
"Pass auf!", rufe ich Silke zu. Sie rast die Uferböschung hinab und bleibt nur eine Reifenbreite vor dem Wasser stehen.
"Wahnsinn, dein Waldsee!", ist ihr erstes Urteil nach wenigen Augenblicken. Sie lehnt ihr Fahrrad gegen den umgebrochenen Baum, eine Hälfte liegt im Wasser und die andere auf der Wiese. Eine Wolke hat sich auf den blauen Himmel verirrt und findet auch noch den Weg vor die Sonne. Der See bekommt für einen kurzen Moment eine düstere Stimmung.
"Und gruselig ist er auch noch!", stellt Silke fest und kuschelt sich an mich.
"Kommst du trotzdem mit baden?", frage ich.
"Du bist doch bei mir."
Sie wirft eine Blick über den See.
"Außerdem hat sich die Wolke in Nichts aufgelöst."
Unsere Sachen laden nach wenigen Augenblicken auf der Decke. Silkes Bikini bedeckt verdammt wenig. Da ist es wieder, das Von-Silke-Träumen-Kribbel-Gefühl; wie damals nach der Sportstunde, als mir Silke zum ersten Mal in die Augen geschaut hat und wie zur Schuldisko, wenn wir uns ganz zärtlich umarmen.
"Du wolltest mir im See was zeigen?" unterbricht Silke meine Gedanken. Ich berühren ihren Arm und greife nach ihrer Hand.
"Ab geht's, wir müssen ans andere Ufer."
Das Wasser ist kalt, mehr als kalt. Die Kühle treibt uns an, zügig zu schwimmen.
"Was ist das?", fragt Silke und zeigt auf den dunklen Fleck im Wasser. Ich gehe wenige Schritte durch das bauchtiefe Wasser und setze mich. Silke schaut erstaunt, weil ich nicht unter Wasser verschwinde.
"Der dunkle Fleck ist ein Findling, wie ein Sofa, sogar mit Lehne."
"Stark, was die Eiszeit so alles liegengelassen hat", stellt Silke fest und setzt sich neben mich, lehnt sich an den Stein und blinzelt in die Sonne. Verdammt, Silkes Gesicht sieht schön aus; die langen Wimpern, die Augenbrauen, ihr Mund, der immer ein Lächeln hat, ihre Lippen, den kann ich jetzt nicht widerstehen.
"Holger, ist schon wieder eine Wolke vor der Sonne?"
Ich antworte nicht, fasse hinter ihren Kopf und drücke ihn an meinen. Unsere Lippen berühren sich fast - ich will Silke das erste Mal richtig küssen. Silke reißt ihre Augen auf, ich schaue sie erschrocken an.
"Trampelt da was durch den Wald?", schockt sie mich. Ich schaue in Richtung Ufer und achte einen Moment nicht auf Silke. Mit ihren Armen umschlingen sie mich und sitzt auf meinem Schoß. Eine Armee Trampeltiere könnte durch den Wald hetzen, das wäre mir egal. Unsere Lippen liegen nur einen Augenblick aufeinander, bevor sich unsere Münder öffnen und meine Zunge sich frech auf den Weg macht, Silkes zu berühren. Meine erste Freundin, Rita, war beim richtigen Küssen zickig und feige, als würde man davon Kinder oder Pickel im Gesicht bekommen. Ich müsste Luft holen, das geht nicht, jetzt ist küssen dran. Verdammt, in meiner Badehose wird es eng und Silke merkt das, da bin ich mir ganz sicher.

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